Die Dürre im Meer
Einige Regionen Brasiliens werden zurzeit
von einer extremen Trockenheit heimgesucht. Im trockensten Staat des Nordostens,
in Ceará, kämpft eine kleine Fischergemeinde mit Erfolg um
weltweite Unterstützung gegen eine besondere Dürre: Die Dürre
des Meeres.
Von Beat Grüninger
Wer die Landkarte Südamerikas studiert,
könnte auf Brasilien neidisch werden. Kein anderes Land besitzt einen
derart grossen Anteil an Meeresküste. Und was für eine Küste:
Über Tausende von Kilometern erfüllen Brasiliens Uferlandschaften
die Traumvorstellungen, die sich ein durchschnittlich verwöhnter Mitteleuropäer
vom üppigen Leben am Meer machen kann. Vorstellungen, die dazu verleiten,
die Bürowände lieber heute als morgen gegen eine einfache Fischerhütte
zu vertauschen und fortan unter der gleissenden Sonne täglich zum
Fischfang auszufahren. So, wie es rund 500'000 andere Menschen auch tun,
welche in Brasilien heute noch dem traditionellen Fischerhandwerk nachgehen.
Die Vorstellung vom geruhsamen Fischerleben
am Meer mag dazu angetan sein, unsere Alltagssorgen vergessen zu machen.
Wir neigen dazu, die Menschen am Meer in Sorglosigkeit und Erfüllung
zu wähnen und vergessen leicht, dass es auch dort ums Überleben
geht. Trotz Uno-Jahr der Ozeane werden kaum einmal die Bedürfnisse
der Millionen von Fischer thematisiert, deren tägliche Arbeit den
Fischbestand nachhaltig reguliert und deren Dörfer oft die letzten
Bastionen vor der Verschandelung durch Hotelklötze sind. Noch weniger
präsent ist uns die Vorstellung, dass in Zeiten der Dürre auch
die Fischerfamilien Not leiden können.
Modell einer nachhaltigen Entwicklung
Wie stark Traum und Realität auseinanderklaffen, spüren die rund 40'000 Fischer, welche im brasilianischen Bundesstaat Ceará leben, derzeit mit besonderer Härte. Seit Monaten wird der ganze Nordosten von einer Dürre geplagt, die an die harten Zeiten der 70er Jahre erinnert, als eine Hungersnot in dieser Region nur mit Hilfe aus dem Ausland abgewendet werden konnte.
Das Angebot an Nahrungsmitteln wird immer
knapper, die Preise steigen. Zur Dürre auf dem Land, welche die Leute
aus dem Landesinnern erneut zur Emigration in die Städte und gar zur
Plünderung von Lastwagen und Geschäften zwingt, kommt bei den
Fischern Cearás ein weiteres Problem hinzu: Seit wenigen Jahren
leiden sie unter einer eigentlichen «Dürre des Meeres»,
welche ihnen einen frappanten Rückgang der Fänge bescherte.
Besonders stark davon betroffen sind die
Fischer der kleinen Gemeinde Prainha do Canto Verde. Dort unterstützt
der Schweizer René Schärer seit Anfang der 90er Jahre aktiv
eine Fischervereinigung, die zum Kern einer nationalen, politischen Bewegung
geworden ist. Schärer, der als ehemaliger Swissair-Chef Brasiliens
die Region bereist hatte, half dem Fischerdorf südlich von Fortaleza
im Kampf gegen Immobilienspekulanten. Von seinem späteren Arbeitsplatz
in Atlanta aus mobilisierte der Swissair-Kadermann Geldgeber, um ein erfolgreiches
kommunales Entwicklungsprojekt in die Wege zu leiten, das in der Schweiz
auch vom Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung sowie einer privaten Trägerschaft,
den «Amigos de Prainha do Canto Verde» unterstützt wird.
Nachdem das Dorf den Angriff der Immobilienspekulanten
erfolgreich abwenden konnte, konzentrierte sich die Arbeit Schärers,
der nach seiner Pensionierung den Wohnsitz in die Prainha verlegte, auf
die Verbesserung der Zusammenarbeit innerhalb der Gemeinde in den Bereichen
Gesundheit, Bildung und Tourismusförderung. Der Erfolg des Projektes,
das als Modellfall einer nachhaltigen Gemeindeentwicklung gelten kann,
wurde in Brasilien national anerkannt, als René Schärer Ende
1997 mit dem Preis der Stiftung Abrinq gegen Kinderarbeit ausgezeichnet
wurde. Abrinq würdigte die Tatsache, dass es in der Prainha gelungen
war, innerhalb von drei Jahren die Kindersterblichkeit auf null zu senken
und eine Einschulungsrate von fast hundert Prozent zu erreichen.
Kampf um die Rechte der Fischer
Obwohl die von René Schärer
initiierten Programme in der Prainha in praktisch allen Bereichen zu guten
Resultaten führten, bleibt der Kampf um die Rechte der traditionellen
Fischer das zentrale Thema. Die Fischervereinigung des Dorfes wurde innerhalb
der letzten Jahre zum Sprachrohr eines Bevölkerungsteils, dem nicht
nur in Brasilien, sondern weltweit die notwendige Anerkennung versagt blieb.
Mit einer spektakulären, riskanten Protestfahrt bis nach Rio de Janeiro
auf einer «Jangada», dem traditionellen kleinen Fischerboot
Cearás, machten vier Fischer aus der Prainha 1993 Brasilien auf
die Bedrohung ihres Berufsstandes durch
Massentourismus und Raubfischerei aufmerksam.
Ihr Appell an die brasilianische Regierung verhallte zwar fast ungehört,
doch sicherten sich die Fischer mit ihrer Aktion die Unterstützung
zahlreicher Organisationen und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.
Die heutige «Dürre des Meeres»
hat nicht nur klimatische Ursachen (El Niño), sondern gründet
auch auf handfesten menschlichen Eingriffen. Raubfischer, die mit illegalen
Fangmethoden vorgehen, und die industrielle Hochseefischerei haben das
Ihrige dazu beigetragen, die Situation der traditionellen Küstenfischer
kontinuierlich zu verschlechtern. Obwohl dank der Anstrengungen des Projekts
in der Prainha ein Umschwung eingeleitet werden konnte, ist die Zahl der
gefangenen Langusten seit 1996 frappant zurückgegangen. Dabei waren
sie die Grundlage, welche – neben den spärlichen Fischerträgen
– den Familien genügend Einkommen und damit das Überleben sicherten.
Mit Unterstützung der Bundesuniversität
Fortalezas wurden die meeresbiologischen Aspekte des Ertragrückgangs
untersucht, doch jetzt sollen endlich die politischen Probleme, die die
traditionelle Fischerei bedrohen, in Angriff genommen werden. Zielscheibe
einer weltweit koordinierten Kampagne ist die brasilianische Umweltbehörde
Ibama, welche seit 1995 nichts unternahm, den sogenannten Langusten-Plan
in die Tat umzusetzen. Dieser Bewirtschaftungsplan für eine nachhaltige
Nutzung der Langustenbestände wurde von den Fischern gemeinsam mit
BehördevertreterInnen ausgearbeitet. Die Fischer Cearás benützen
nun den Fahrtwind der brasilianischen Regierungswahlen, um Druck auf Präsident
Cardoso und Ibama auszuüben. Sie lancierten anfangs August einen Appell,
in dem Ibama aufgefordert wird, den Langusten-Plan umzusetzen und die notwendigen
Mittel freizugeben. Mit einer Steuer von 2 Prozent auf dem gesamten Langustenexport
soll ausserdem ein Fonds geäufnet werden, welcher von einer staatlichen
Fischereikommission verwaltet wird. Zudem sollen 50 Prozent der Gelder
eines gesonderten Küstenmanagement-Plans für die Entwicklung
der Region Ceará durch lokale Gremien verwaltet werden.
Erste Erfolge zu verzeichnen
Von der Umsetzung des Langusten-Plans würden
rund 180'000 Familienmitglieder profitieren, welche an dieser Art der Fischfangs
beteiligt sind. Während Brasilien 1985 noch 2'379 Tonnen Langusten
exportieren konnte, werden für 1998 noch lediglich 1100 Tonnen prognostiziert.
Rund 95
Prozent des Exports stammen aus Ceará.
1990 betrug der Exporterlös 50 Millionen US-Dollar, bis 1997 sank
er auf 37 Millionen. Der Umsatzanteil der traditionellen Fischer wird von
rund einem Sechstel im Jahre 1995 dieses Jahr wohl auf verschwindende 2
Prozent sinken.
Die Bedrohung der traditionellen Fischerei
an der Nordostküste Brasiliens wurde vom «International Collective
in Support of Fishworkers» (ICSF) mit Sitz in Indien unterstrichen.
Das ICSF finanzierte bereits 1997 ein internationales Seminar in Fortaleza
sowie eine regionale Langustenkampagne und stellt sich auch in der aktuellen
Kampagne auf die Seite der KollegInnen rund um René Schärer.
Die internationale Komponente des Lobbyings wurde auf staatlicher Ebene
bereits erkannt und brachte den Stein in Ceará ins Rollen. Der dortige
Gouverneur Tasso Jereissati bewilligte einen Betrag von 40'000 Dollar für
die Reaktivierung eines Motorbootes, das aktiv gegen die Raubfischer vorgehen
soll. Jereissati kritisierte vehement die abwartende Haltung der Ibama.
Dort sei die Protestwelle – so René Schärer kurz vor Redaktionsschluss
– zwar angekommen, «doch glauben die Leute sowieso, dies sei nur
eine isolierte Aktion von René....» Wer René Schärer
genauer kennt, weiss, dass sich hinter dieser bescheidenen Aussage Zündstoff
verbirgt, der die Köpfe im Umweltministerium in Brasilia noch lange
auf Trab halten wird