Teilweiser Auszug aus "MOSQUITO", - die entwicklungspolitische Zeitschrift
der Schweiz, Oktober 1998

Die Dürre im Meer
Einige Regionen Brasiliens werden zurzeit von einer extremen Trockenheit heimgesucht. Im trockensten Staat des Nordostens, in Ceará, kämpft eine kleine Fischergemeinde mit Erfolg um weltweite Unterstützung gegen eine besondere Dürre: Die Dürre des Meeres.

Von Beat Grüninger
Wer die Landkarte Südamerikas studiert, könnte auf Brasilien neidisch werden. Kein anderes Land besitzt einen derart grossen Anteil an Meeresküste. Und was für eine Küste: Über Tausende von Kilometern erfüllen Brasiliens Uferlandschaften die Traumvorstellungen, die sich ein durchschnittlich verwöhnter Mitteleuropäer vom üppigen Leben am Meer machen kann. Vorstellungen, die dazu verleiten, die Bürowände lieber heute als morgen gegen eine einfache Fischerhütte zu vertauschen und fortan unter der gleissenden Sonne täglich zum Fischfang auszufahren. So, wie es rund 500'000 andere Menschen auch tun, welche in Brasilien heute noch dem traditionellen Fischerhandwerk nachgehen.
Die Vorstellung vom geruhsamen Fischerleben am Meer mag dazu angetan sein, unsere Alltagssorgen vergessen zu machen. Wir neigen dazu, die Menschen am Meer in Sorglosigkeit und Erfüllung zu wähnen und vergessen leicht, dass es auch dort ums Überleben geht. Trotz Uno-Jahr der Ozeane werden kaum einmal die Bedürfnisse der Millionen von Fischer thematisiert, deren tägliche Arbeit den Fischbestand nachhaltig reguliert und deren Dörfer oft die letzten Bastionen vor der Verschandelung durch Hotelklötze sind. Noch weniger präsent ist uns die Vorstellung, dass in Zeiten der Dürre auch die Fischerfamilien Not leiden können.

Modell einer nachhaltigen Entwicklung

Wie stark Traum und Realität auseinanderklaffen, spüren die rund 40'000 Fischer, welche im brasilianischen Bundesstaat Ceará leben, derzeit mit besonderer Härte. Seit Monaten wird der ganze Nordosten von einer Dürre geplagt, die an die harten Zeiten der 70er Jahre erinnert, als eine Hungersnot in dieser Region nur mit Hilfe aus dem Ausland abgewendet werden konnte.

Das Angebot an Nahrungsmitteln wird immer knapper, die Preise steigen. Zur Dürre auf dem Land, welche die Leute aus dem Landesinnern erneut zur Emigration in die Städte und gar zur Plünderung von Lastwagen und Geschäften zwingt, kommt bei den Fischern Cearás ein weiteres Problem hinzu: Seit wenigen Jahren leiden sie unter einer eigentlichen «Dürre des Meeres», welche ihnen einen frappanten Rückgang der Fänge bescherte.
Besonders stark davon betroffen sind die Fischer der kleinen Gemeinde Prainha do Canto Verde. Dort unterstützt der Schweizer René Schärer seit Anfang der 90er Jahre aktiv eine Fischervereinigung, die zum Kern einer nationalen, politischen Bewegung geworden ist. Schärer, der als ehemaliger Swissair-Chef Brasiliens die Region bereist hatte, half dem Fischerdorf südlich von Fortaleza im Kampf gegen Immobilienspekulanten. Von seinem späteren Arbeitsplatz in Atlanta aus mobilisierte der Swissair-Kadermann Geldgeber, um ein erfolgreiches kommunales Entwicklungsprojekt in die Wege zu leiten, das in der Schweiz auch vom Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung sowie einer privaten Trägerschaft, den «Amigos de Prainha do Canto Verde» unterstützt wird.
Nachdem das Dorf den Angriff der Immobilienspekulanten erfolgreich abwenden konnte, konzentrierte sich die Arbeit Schärers, der nach seiner Pensionierung den Wohnsitz in die Prainha verlegte, auf die Verbesserung der Zusammenarbeit innerhalb der Gemeinde in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Tourismusförderung. Der Erfolg des Projektes, das als Modellfall einer nachhaltigen Gemeindeentwicklung gelten kann, wurde in Brasilien national anerkannt, als René Schärer Ende 1997 mit dem Preis der Stiftung Abrinq gegen Kinderarbeit ausgezeichnet wurde. Abrinq würdigte die Tatsache, dass es in der Prainha gelungen war, innerhalb von drei Jahren die Kindersterblichkeit auf null zu senken und eine Einschulungsrate von fast hundert Prozent zu erreichen.

Kampf um die Rechte der Fischer

Obwohl die von René Schärer initiierten Programme in der Prainha in praktisch allen Bereichen zu guten Resultaten führten, bleibt der Kampf um die Rechte der traditionellen Fischer das zentrale Thema. Die Fischervereinigung des Dorfes wurde innerhalb der letzten Jahre zum Sprachrohr eines Bevölkerungsteils, dem nicht nur in Brasilien, sondern weltweit die notwendige Anerkennung versagt blieb. Mit einer spektakulären, riskanten Protestfahrt bis nach Rio de Janeiro auf einer «Jangada», dem traditionellen kleinen Fischerboot Cearás, machten vier Fischer aus der Prainha 1993 Brasilien auf die Bedrohung ihres Berufsstandes durch
Massentourismus und Raubfischerei aufmerksam. Ihr Appell an die brasilianische Regierung verhallte zwar fast ungehört, doch sicherten sich die Fischer mit ihrer Aktion die Unterstützung zahlreicher Organisationen und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.
Die heutige «Dürre des Meeres» hat nicht nur klimatische Ursachen (El Niño), sondern gründet auch auf handfesten menschlichen Eingriffen. Raubfischer, die mit illegalen Fangmethoden vorgehen, und die industrielle Hochseefischerei haben das Ihrige dazu beigetragen, die Situation der traditionellen Küstenfischer kontinuierlich zu verschlechtern. Obwohl dank der Anstrengungen des Projekts in der Prainha ein Umschwung eingeleitet werden konnte, ist die Zahl der gefangenen Langusten seit 1996 frappant zurückgegangen. Dabei waren sie die Grundlage, welche – neben den spärlichen Fischerträgen – den Familien genügend Einkommen und damit das Überleben sicherten.
Mit Unterstützung der Bundesuniversität Fortalezas wurden die meeresbiologischen Aspekte des Ertragrückgangs untersucht, doch jetzt sollen endlich die politischen Probleme, die die traditionelle Fischerei bedrohen, in Angriff genommen werden. Zielscheibe einer weltweit koordinierten Kampagne ist die brasilianische Umweltbehörde Ibama, welche seit 1995 nichts unternahm, den sogenannten Langusten-Plan in die Tat umzusetzen. Dieser Bewirtschaftungsplan für eine nachhaltige Nutzung der Langustenbestände wurde von den Fischern gemeinsam mit BehördevertreterInnen ausgearbeitet. Die Fischer Cearás benützen nun den Fahrtwind der brasilianischen Regierungswahlen, um Druck auf Präsident Cardoso und Ibama auszuüben. Sie lancierten anfangs August einen Appell, in dem Ibama aufgefordert wird, den Langusten-Plan umzusetzen und die notwendigen Mittel freizugeben. Mit einer Steuer von 2 Prozent auf dem gesamten Langustenexport soll ausserdem ein Fonds geäufnet werden, welcher von einer staatlichen Fischereikommission verwaltet wird. Zudem sollen 50 Prozent der Gelder eines gesonderten Küstenmanagement-Plans für die Entwicklung der Region Ceará durch lokale Gremien verwaltet werden.

Erste Erfolge zu verzeichnen

Von der Umsetzung des Langusten-Plans würden rund 180'000 Familienmitglieder profitieren, welche an dieser Art der Fischfangs beteiligt sind. Während Brasilien 1985 noch 2'379 Tonnen Langusten exportieren konnte, werden für 1998 noch lediglich 1100 Tonnen prognostiziert. Rund 95
Prozent des Exports stammen aus Ceará. 1990 betrug der Exporterlös 50 Millionen US-Dollar, bis 1997 sank er auf 37 Millionen. Der Umsatzanteil der traditionellen Fischer wird von rund einem Sechstel im Jahre 1995 dieses Jahr wohl auf verschwindende 2 Prozent sinken.
Die Bedrohung der traditionellen Fischerei an der Nordostküste Brasiliens wurde vom «International Collective in Support of Fishworkers» (ICSF) mit Sitz in Indien unterstrichen. Das ICSF finanzierte bereits 1997 ein internationales Seminar in Fortaleza sowie eine regionale Langustenkampagne und stellt sich auch in der aktuellen Kampagne auf die Seite der KollegInnen rund um René Schärer. Die internationale Komponente des Lobbyings wurde auf staatlicher Ebene bereits erkannt und brachte den Stein in Ceará ins Rollen. Der dortige Gouverneur Tasso Jereissati bewilligte einen Betrag von 40'000 Dollar für die Reaktivierung eines Motorbootes, das aktiv gegen die Raubfischer vorgehen soll. Jereissati kritisierte vehement die abwartende Haltung der Ibama. Dort sei die Protestwelle – so René Schärer kurz vor Redaktionsschluss – zwar angekommen, «doch glauben die Leute sowieso, dies sei nur eine isolierte Aktion von René....» Wer René Schärer genauer kennt, weiss, dass sich hinter dieser bescheidenen Aussage Zündstoff verbirgt, der die Köpfe im Umweltministerium in Brasilia noch lange auf Trab halten wird